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Dr. Angelika Steinmetz-Oppelland

Laudatio zur Einweihung der Bronzeplastik „Spiegelbild“ in Jena, Oktober 2017

Hermann Grüneberg hat das anschauliche Bild von dem vor dem Johannistor grasenden Vieh aufgegriffen und ein Tier erdacht, einen Stier, der in einer Wasserfläche stehend (für die Wasserfläche sorgt er selbst), sein eigenes Spiegelbild bestaunt – weshalb wir es folgerichtig eigentlich mit zweien dieser Tiere zu tun haben. Der Stier stemmt sich kraftvoll über seine vermeintlich feste Standfläche, so dass sich der Vorgang des angestrengten, starrenden Innehaltens unmittelbar körperlich mitzuteilen scheint. Wie überhaupt das Verhältnis der Kräfte, des sich Aufstemmens und des sich Entgegenstemmens zu den Merkmalen gehört, die man bereits auf den ersten Blick wahrnimmt.

Die Wahrnehmung einer kraftvollen Spannung innerhalb dieses equilibristischen Balanceakts prägt die gesamte Komposition und darin erweist das Bildwerk auch seine räumlichen Stärke im Emsemblezusammenhang des Platzes (vollvoluminös, raumhaltig)
Mindest ebenso unmittelbar ist die Wahrnehmung von etwas Phantastischem, Irrealem: In allen seinen Teilen bietet das Bildwerk neue überraschende und unerwartete Details (bis hin zum Spielelement als Angebot: Bei Berührung des linken Horns sprüht das Wasser aus den Nüstern, – man freut sich jetzt schon auf heiße Tage des nächsten Sommers),
die Oberflächen sind ausgesprochen lebendig und erinnern in ihren Faltungen und Strukturen eher an die Haut von Reptilien als an glattes Rinderfell. Immer wieder gibt es unerwartete gestalterische Einfälle. Fremdartige Elemente hat die Phantasie des Künstlers einfließen lassen (bolzenförmige Formation im Schulterbereich, Abdruck eines Palmettenfrieses). Auf dem Johannisplatz steht nicht das Abbild eines Stieres, sondern eher so etwas wie ein Traumbild, eine Vision eines Tieres, das hier vor hunderten von Jahren einmal gestanden haben mag, über den Abstand der Zeit hinweg.

Und wie unwirklich ist erst das Spiegelbild, dem sich der Stier so konzentriert entgegenbeugt! Es ist nicht ein nach den Gesetzen der Optik konstruierte Abbildung, sondern ein sich skelettierendes Gegenkonzept. Der Kopf ist zum Schädel abgemagert, die Gliedmaßen haben sich in wuchernde Gebilde verwandelt.

Man wird Hermann Grünebergs künstlerischem Denken nicht gerecht, wenn man nun solche Beobachtungen in eindeutige Botschaften einfließen lassen würde, etwa im Sinne der Bildtradition eines Memento mori oder einer Allegorie von Zeit und Vergänglichkeit (obwohl solche Vorstellungen hier auch wirksam werden). Grünebergs Bildwerke allgemein (die immer von Phantastik und unerschöpflicher Phantasie geprägt sind), wollen eher indirekt gelesen werden – oder aber auch nur durch ihre sinnliche Präsenz und ihre Fabulierkunst wirken.

Tatsächlich ist Hermann Grünebergs bildnerische Sprache stets gleichzeitig humorvoll und hintergründig. Er berührt auch in seinem übrigen Werk (das kennenzulernen ich Ihnen nochmals nahelege) Grenzbereiche: Was auf den ersten Blick spielerisch, unbekümmert und frisch daherkommt, stößt im Aufeinandertreffen von Wirklichkeit und Traum auch immer an die Erfahrung von Ernst, Leben und Tod.

Das Gewand des Clowns (oder in unserem Fall der ländlichen Idylle vor den Toren der Stadt) kleidet eine ahnungsvolle Nachdenklichkeit. Ein rätselhaftes Bildwerk wird heute zum Teil des Straßenlebens in Jena.

Insofern ist die Skulptur weit davon entfernt, als idyllische Stadtmöblierung den Johannisplatz lediglich nur zu dekorieren und: Insofern hat der Spiegelstier auch Verwandte in den Skulpturen Frank Stellas auf dem benachbarten Abbe-Platz.

 

Rüdiger Giebler

Orakel

 Vogelwesen, Federbeinengel, Zwillingsgeburt und ein Trompetenriesenwurm in trauter Gemeinschaft. Das sind vielsichtige Bildnisse. Hermann Grüneberg baut Gestaltwesen im Ruhemodus. Er arbeitet an der Fortführung eines privaten dreidimensionalen Bestiarium. Das Personal vervielfältigt sich und steht mit Fragen an sich selbst im Raum. Trotz der wuchtigen Größe, des üppigen Materialeinsatzes, der rauen Oberflächen und der spröden, heftigen Bemalung geht nichts dämonisches von ihnen aus. Höhere Weisungen, ultimative Selbstmitteilungen sind von ihnen nicht zu erwarten. Sie zeigen Gefühle. Sie zeigen keine Macht. Sie sind überrascht von der eigenen Existenz.

Das sind Keramische Torsi mit steifen unteren Extremitäten. Standhafte Collagen aus gebrannten und glasiertem Ton, aus Holz, Karton, Wachs, Farbe und organischen Materialien, wie Federn und Schneckenhäusern. Die Herzstücke der Plastiken sind aus Keramik. Das ist das solide und unvergängliche Grundmaterial. Die aufgebauten Volumen bestimmen die Form. Der gebrannte Scherben ist die Basis der Erzählung. Die  Köpfe, Rümpfe, Arme sind verbeulte und eingeschnittene Hohlkörper – ramponierte Kugeln, Kegel und Zylinder.

Wie eine verfettete Spitzenklöppelei werden Keramikwürste als Fingerchen und Flügel angesetzt. Oder die Keramikschnüre werden als transparentes Trägersystem aufgebaut, mit Öffnungen in Herzchenform, die den Blick in das Innere freigeben. Bricht etwas allzu Exponiertes ab, werden die Stellen so belassen und als Stigmata hergezeigt. Die steinernen inneren Organe bestimmen die Haltung der Kameraden. Das sind Zeitspeicher. Es braucht Bedächtigkeit und Geduld die Körper aus Ton aufbauen, die Formen langsam trocknen zu lassen, die Glasur endgültig festzulegen. Die getöpferten Volumen sind die Teile, die Entschleunigung und handwerkliche Bedächtigkeit haltbar machen. Im Gegensatz der kombinierten Materialen überlagern und durchdringen sich Zeitformen und Haltbarkeitsdaten. Es gibt unterschiedliche Geschwindigkeiten im Fertigungsprozess. Fragiles und Unverwüstliches geht sanft in einander über. Die Keramik bekommt prothesenartigen Ergänzungen aus Holz und Pappmache. Manches wird unsichtbar kaschiert, anders stößt hart aufeinander. Das ist ein Spiel mit dem Unförmigen.

Die verbauten Holzteile sind Fundstücke. Altholz hat  eine unvermutete letzte Werthaltigkeit bekommen. Die Stücke sind grob bearbeitet. Mit der Motorsäge wurden die Steckverbindungen und Musterkerben geschnitten. Die Stelzenbeine und ein asymmetrischer Tisch sind zugleich Sockel, die die Oberkörper auf Augenhöhe heben. Wie Kentauren sind die Wesen mit den groben Möbel verwachsen. Bei aller Materialdichte und Materialverschwendung haben die Figuren eine unwahrscheinliche Leichtigkeit. Das Gleichgewicht stimmt.

Die Oberflächen sind bildhaft. Das sind malerisch stilisierte Weiterführungen des Körpers, Verdoppelungen, fragmentarische Ergänzungen. Auf die Köpfe werden Gesichter gemalt. Auge, Ohr, Mund – Pünktchen, Pünktchen, Komma, Strich. Die Bildfläche ist ein Mix aus unvergänglicher Glasur, Lackfarben, Kalk, Wachs und aufgeklebten Papier. Die über die Körper laufenden Wachs- und Farbnasen umhüllen sie wie fadenscheinige Kleider. Das Krakle der Glasur geht in das graphische Raster der aufgeleimten Collage auf. Flecken und Kratzer bilden spontan gezogene Muster. Das ist im besten Sinne Keramik – Gefäße, die mit Deutungen gut gefüllt werden können, Assoziationsspeicher, die leicht zu öffnen sind von der Phantasie des Betrachters.

Was steht da vor uns? Selbstbildnisse, Denkmäler, Hopi-Tänzer, Tiere aus den Kindermärchen, Totem, Nachtgesichte, die Monster, die der Traum gebiert, ein Geister-Zoo, Karikaturen des Fetisch, die Sichtbarkeit des Spirituellen? Das sind die Wesen mit denen wir leben müssen, Dämonen und Helfer des Alltags, selbst hilflos. Die gebrochene Proportionen geben den Figuren den Eindruck fehl am Platze zu sein. Sie scheinen sich bewusst der Rohfassung der eigenen Existenz und der Vergänglichkeit jeglicher Heilsversprechungen. So einer steht immer hinter uns, sie haben Maß und Ruhe kleinasiatischer Halbgötter, sind witzige Bedenkenträger. Sie sind stumme Zeugen und lebensgroße Trostspender. Sie erzeugen ein schepperndes Grundrauschen der Zivilisationskritik.

Die sind auch lustig. Da ist nichts festgelegt. Die tragen kein Schild um den Hals, keinen Zettel an der Stirn – kein Rätsel, keine Verkündigung, kein Tagesmotto, kein Spruch auf den Weg. Das raue und spröde Material, aus denen sie geformt sind, lässt esoterische Gefühle gar nicht erst aufkommen. Und ihre Gesten des Erschreckens sind mit Ironie und Albernheiten durchsetzt. Das sind Träumereien von der Kulturwelt des edlen Wilden. Hermann ist bestimmt immer als Indianer gegangen, nicht als Cowboy. Wir sehen eine Reflexion des Archaischen, die selbst  ein Phantasieprodukt ist. Transformiert wird die über Karl May, Eine-Weltläden, Fairtrade-Produkte und Fairtrade-Spiritualität. Das sind Wächter, die aufpassen auf das Verhältnis zwischen uns und unseren Ressourcen, Kobolde der ökologischen Nachhaltigkeit.

Annehmbar ist, dass das Hausgeister sind, die sich selbst nicht ernst nehmen. Der Zweifel an ihren Fähigkeiten und dem Nutzen ihrer Magie ist in ihr erstauntes Antlitz geschrieben. Das Orakel bleibt stumm wie der Blick in den Spiegel. Das ist Mystifizierung und Entmystifizierung zu gleich – alltagstauglich. Man möchte ihnen ein Flaschenbier zum flanieren in die Hand drücken.

 

 


Jurytext Frechener Keramikpreis 2015

Die Arbeiten von Hermann Grüneberg sind kluge Assemblagen keramischen Materials, das sowohl von eigener Hand stammt wie auch aus industrieller Produktion und teils mit Holz, Draht unter anderem ergänzt wird. Es handelt sich um figürliche Konglomerate, gebildet aus Versatzstücken der modernen Kunst und unseres heutigen Alltags. Emotional anrührend, doch immer unsentimental, teils archaisch, fast grob, aber dennoch asthetisch überaus reizvoll, weisen seine Arbeiten deutliche Referenzen an Künstler der Moderne auf, vor allem an Picasso. Dabei gelingt es Grüneberg, den Über-Künstler des 20 Jahrhunderts auf überaus geistreiche Weise standzuhalten. In ihrer ungelenk wirkenden Zusammensetzung aus völlig disparaten Teilen treten die beiden eingereichten keramischen Skulpturen als Prothesen-Figuren auf, die sich ihrer eigenen Versehrtheit bewusst zu sein scheinen, um trotzdem das Beste daraus zu machen.

Dies gelingt Grüneberg, indem er ihre Wunden und Brüche nicht verbirgt, sondern lustvoll in Szene setzt. Dabei entwickeln die Arbeiten nicht nur aufgrund ihrer Größe eine starke skulpturale Präsenz. Ein Detailreichtum, dessen narratives Potenzial unerschöpflich erscheint, sowie ein hoher Grad an konzeptueller und formaler Komplexität, mit denen Grüneberg seine Themen bearbeitet, tragen ebenfalls dazu bei. Den heutigen Idealvorstellungen von Kindheit („Kind mit Hase“) und romantischer Liebe („I die for you“) begegnet Grüneberg in einer Art, die der geltenden Norm einerseits entsprechen, aber diese andererseits als unhaltbare Konstruktionen entlarven. In vollem Bewusstsein ihrer Unmöglichkeit stellen sich die Figuren dennoch dem unerreichbaren Traum, um ihn im Rahmen ihrer offensichtlich begrenzten Möglichkeiten zu realisieren. Auch wenn die Kunsthistorischen Vorbilder dabei erkennbar aufleuchten, gewinnt Grüneberg ihnen auf sehr überzeugende Weise überraschend neue Aspekte ab.

 

 


Prof. Martin Neubert

– Gutachten zum praktischen und schriftlichen Teil des Diploms von Hermann Grüneberg

Anfang oder Ende. Ahnung oder keine Ahnung. Mittendrin ist Hermann Grüneberg, im Leben und seinen nachdenklichen Arbeiten in der bildenden Kunst. Sicher kann da auch das Oben zum Unten werden oder umgekehrt. Der Schnitzer und Modelleur setzt sich mit sichtbarer Freude über Materialgrenzen hinweg, nimmt für ihn Vertrautes, nutzt Material unvoreingenommen. Das Holz bildet überwiegend den Unterbau. Das statisch, konstruktivere Material wechselt dann nach oben. Greifende Hände aus Keramik berühren knirschend den Boden. Das splittrige Hartholz trägt die weich dekorierte Keramiktorte – und wieder ist ein Jahr vorbei. Bedenken und Lichter sind in den Arbeiten – beides immer. An Stelle selbstsicher entworfender Behauptung setzt der Schnitzer und Modelleur seine Vorahnung. Es sind zunächst vage Bilder, die er in den lebendig, ungestümen Materialkombinationen um Porzellananteile und Textilien erweitert. Überbaut, bemalt, geklebt wird in jedem Stadium. Das ist der nachvollziehbare Weg an diesen Plastiken. Es sind innere Erwartungen die diese kraftvollen Figuren antreiben, der Drang der Erprobung. Zu fest Gedachtes wird hmorvoll aufgelöst. Diese Möglichkeit der relativierung kennt der Schnitzer und Modelleur gut. Bei aller Präsenz entwickeln die Arbeiten ihre Stärke besonders aus der zurückgenommenen, indirekten Lesbarkeit. Aus einem schönen Gefühl um Plastizität und Farbigkeit. Das ist nicht nur eine Ahnung. Es ist nicht die Menge in der Kunst die Hermann interessiert, er kennt viel aber beschäftigt sich sehr eingehend mit Wenigem. So ist auch die schriftliche Arbeit angelegt. Klaus Hack, Walter Libuda, Elias Canetti, wenige mehr. Hermann Grüneberg zieht sich zurück, betrachtet seine Arbeitsweise, beschreibt ohne Abschweifungen das entwickelte Eigene. Offen resümiert er zu seiner Arbeit, kritisiert Bestehendes, und plant weiteres.

 

 


Prof. Andrea Zaumseil

– Gutachten zum künstlerisch-praktischen Teil der Diplomarbeit von Hermann Grüneberg

Hermann Grüneberg hat mit seiner künstlerisch- praktischen Diplomarbeit eine Gruppe von überraschenden, kraftvollen Figuren, bzw Figurenkonstellationen geschaffen, die sich an den Grenzen von Leben und Tod, von Spiel und Ernst, von innerer Erfahrung und äußeren Spuren, von Realität und Traum bewegen. Es sind scheinbar ganz unmittelbar aus dem Unbewussten herausgeschleuderte Geschöpfe, denen allerdings sehr präzise Überlegungen, Setzungen und Materialund Formentscheidungen zugrunde liegen. Sie bieten einen breiten Assoziationsraum, der zwischen Beängstigung und Freude alles bereit hält und sind offensichtlich getragen von einem intensiven Nachdenken und Nachspüren sehr existentieller Erfahrungen. Für die Präsentation hätte ich den Arbeiten einen weiteren, höheren, auch lichteren Raum gewünscht, wo ihr Umfeld weniger bühnen- oder auch gruftartig gewesen wäre. Innerhalb des vorhandenen Raums aber hat Hermann Grüneberg eine gute, spannungsreiche Konstellation mit seinen Figuren geschaffen. Sein Vortrag war mutig und ungewöhnlich, gesungene Poesie, sehr überzeugend und sehr seiner künstlerischen Haltung und seinem Werk entsprechend. Auch im Gespräch konnte er überzeugen durch seine Klugheit, Nachdenklichkeit und Empathie.